Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, Foto: Manfred Seidl
Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, Foto: Manfred Seidl
Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, Foto: Manfred Seidl
Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, Foto: Manfred Seidl
Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, Foto: Manfred Seidl

Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof

Nach einer mehrstufigen Ausschreibung wurde die ARGE checkpointmedia Multimediaproduktionen AG / OMS Objektmanagement Service GmbH im Juni 2013 als Totalunternehmer mit der Gestaltung, Errichtung und Einrichtung des neuen Museums beauftragt.

Architektur
Architekt Gustav Pichelmann schuf einen Museumszugang über eine seitlich zu der großen Treppenanlage gelegene, zur Bestandsrampe leicht verdrehte, gegenläufige Rampe und einen Treppenlauf, beide markiert durch hohe, helle Stelen. Beton- und Natursteinblöcke begrenzen die Rampe und betonen den nahezu 30 Meter langen Weg nach „Unten“. Die Konstruktion setzt ein klares Zeichen ohne jedoch dem historischen Gebäude entgegen zu wirken.

Das Niveau des Museums liegt einen halben Meter über der ursprünglichen historischen Souterrainfläche. Aus dem Foyer entwickelt sich so im Museumsbereich ein Steg, der die Besucher über dem Bodenniveau durch die Ausstellung führt, sodass von hier aus Exponate, Vitrinen und Medienstationen betrachtet werden können. Während der Raum im Dunklen bleibt, sind die Exponate und Vitrinen in weißem Licht gehalten und der Steg in gelbliches warmes Licht getaucht.

Museumskonzept
Die Besucher folgen hier auf der Erzählebene den Abschnitten eines Trauerfalls: Gestorben – Betrauert – Geführt – Bestattet – Erinnert.

Im Museum werden über 250 Originalobjekte sowie Bildmaterial – vielfach zum ersten Mal – aus den Archiven der Bestattung und Friedhöfe Wien ausgestellt. Unter anderem ist ein originaler Fourgon (Kutsche für Leichentransport) aus der Zeit um die vorige Jahrhundertwende zu sehen. Zahlreiche Uniformen der üppigen Tracht nach dem Spanischen Hofzeremoniell bis zum schlichten Talar der Gegenwart werden präsentiert. Ein Herzstichmesser und ein Rettungswecker sind als skurrile Relikte einer Zeit zu sehen, als man fürchtete, lebendig begraben zu werden. Ein Klappsarg von 1784, aus der Zeit Joseph II, lässt ahnen, wie Mozart bestattet wurde. Als ein Stück Zeitgeschichte ist eine Rechnungsanweisung des kaiserlichen Hofs ausgestellt für die Überführung und Bestattung von Franz Ferdinand und seiner Gattin nach dem Attentat von Sarajewo.

Multimedia
Auf dreizehn Monitoren sind Videos zu sehen, die großteils aus noch nie gezeigtem Material bestehen. Unter anderem sind Filmausschnitte aus dem Österreichischen Filmarchiv zu sehen – mit neu entdecktem und restauriertem Material von dem Begräbnis Franz Josephs I und dem prächtigen Trauerzug für Albert Baron Rothschild. Die Videos ergänzen die ausgestellten Objekte und setzten sie in einen Kontext zu jener Zeit, aus der sie stammen.

Eine Videoinstallation aus medialen Elementen und realen Objekten zeigt Partezettel aus verschiedenen Jahrhunderten. Von der Hausbesitzersgattin bis zum ehemaligen Burgtheaterdirekter Haeussermann – die Trauer über den Tod eines Menschen hat sich nicht geändert, der Ausdruck dieser Trauer jedoch schon.

Zwei Guckkästen zeigen im Stil der Zeit die verschiedenen Begräbnisklassen. Eine perspektivische Darstellung, die aus Kulissenelementen, Lichtstimmungen und 3D-Videoeinblendungen entsteht, präsentiert die Pracht der Aufbahrungen in der High Society der vorigen Jahrhundertwende – und den Gegensatz zu den Leichenbegängnissen Normalsterblicher.

Auf einer Audiostation kann das Publikum den zurzeit beliebtesten Liedern für Bestattungen lauschen.

Bau
Das Museum hat eine Gesamtfläche von etwas mehr als 500m², 300m² davon werden für die Dauerausstellung genutzt. Es wurden rund 16 Tonnen Gussasphalt ausgebracht, 130m³ Beton verbaut, 15km Kabel verlegt und 3km Lüftungs-, Heizungs-, und Wasserkanäle verbaut. Pro Stunde werden ca. 3600m³ Luft umgewälzt um ein geeignetes Klima für die teils empfindlichen und historischen Ausstellungsstücke zu gewährleisten. Die Zeitspanne zwischen den Einreichungen und der Übergabe betrug  395 Tage gesamt und die Baukosten beliefen sich auf rund € 2,5 Millionen. Eine besondere Herausforderung stellte die Implementierung des hochmodernen Museums in den Keller eines historischen Gebäudes dar, mit allen Schwierigkeiten von der unsichtbaren Unterbringung einer enormen technischen Ausstattung bis hin zur Sanierung des Altbestandes.

Das Wiener Bestattungsmuseum am Zentralfriedhof vermittelt mit seinen Originalobjekten und dem historischen Bildmaterial nicht nur Wissen über die Wiener Bestattungs- und Friedhofskultur. Es präsentiert auch die typisch wienerische Art, mit dem Tod umzugehen. Seine Lage auf dem zweitgrößten Friedhof Europas, dem Wiener Zentralfriedhof, lädt zu einem anschließenden Rundgang ein.
Auftraggeber: BFW Gebäudeerrichtungs- und Vermietungs-GmbH & Co KG
Gesamtleitung: checkpointmedia AG, Virgil Widrich, Stefan Unger, Stefan Reiter
Projektleitung: Catrin Neumüller
Inhaltliches Konzept: Sigrid Markl
Grafische Gestaltung: Stefan Fahrngruber
Ausstellungsarchitektur: Atelier Pichelmann
Baumanagement: OMS Objektmanagement Service GmbH

Ereignisse

21. Juli 2015
Power of Display 69: Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, 21.7.2015, 18:00 Uhr.
Martina Griesser und Monika Sommer (schnittpunkt ausstellungstheorie & praxis) im Gespräch mit Helga Bock (Bestattungsmuseum) und Virgil Widrich (checkpointmedia).

Der Tod gehört in der öffentlichen Wahrnehmung zu Wien wie der Stephansdom. Das Bestattungsmuseum, 1967 gegründet, verdankt sich dem Mythos der besonderen Beziehung der Stadt zum Totenkult und einer privaten Sammelleidenschaft. 2014 übersiedelt das Museum an den Zentralfriedhof und positioniert sich nahe an den letzten Orten neu. Es versteht sich als Besucher/innen-Zentrum und zeigt anhand von 250 Objekten verschiedene Aspekte von Trauerfällen. schnittpunkt widmet sich Fragen wie: An wen adressiert sich die Institution? Was bedeutet es, als Generalunternehmen die Neukonzeption eines Firmenmuseums zu übernehmen? Welche Rolle spielen multimediale Aspekte der Vermittlung? Wie gestaltet sich das Spannungsfeld zwischen den Objekten und den Audio- bzw. Videoinstallationen? Funktioniert ein Museum auch ohne Aufsicht? Wird die Sammlung weiter ausgebaut?
Im Rahmen des Rundganges "power of display" beleuchtet schnittpunkt die strukturellen und inhaltlichen Dimensionen dieses vielschichtigen Projekts und widmet sich Aspekten der kuratorischen und gestalterischen Umsetzung ebenso wie Implikationen der Überschneidung des Rollenverständnisses von KünstlerIn und KuratorIn. In welchem Verhältnis stehen hier kuratorische Arbeit, künstlerisches Gesamtkonzept und individuelles Werk?
08. Oktober 2014
In zweijähriger Bauzeit realisiert die ARGE checkpointmedia/OMS als Totalunternehmerin das neue Bestattungsmuseum am Wiener Zentralfriedhof, welches am 8.10.2014 eröffnet.